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Liliana Corobca: Ich habe meine Texte selber auf Deutsch vorgelesen…

Septembrie 30, 2016

http://blog.goethe.de/dlite/archives/149-Liliana-Corobca-Ich-habe-meine-Texte-selber-auf-Deutsch-vorgelesen….html

Liliana Corobca | Foto: privat

…und das Publikum war begeistert!”
Die Bücher der Schriftstellerin Liliana Corobca werden nicht nur in Rumänien und Moldawien, sondern auch in Deutschland und Österreich herausgegeben und gelesen. Wir haben sie über ihr neustes Buch, die Reaktionen deutscher Leser und vieles mehr interviewt.
Die meisten Artikel der deutschen Presse zu deinem Buch waren sehr positiv, ich habe allerdings bemerkt, dass die Änderung des Buchtitels von „Kinderland” zu „Der erste Horizont meines Lebens” nicht von allen Kritikern gut aufgenommen wurde. Warum wurde ein anderer Titel für die deutschsprachige Ausgabe ausgewählt, besonders da der frühere Titel ein deutsches Wort war?
Es war ein Kurzprosaband erschienen und wir mussten einen anderen Titel auswählen. Verlage hüten sich vor solchen Zufällen aufgrund von Urheberrechten (und wahrscheinlich auch wegen des Titels). In einer solchen Situation ist es empfehlenswert, sich einen neuen Titel einfallen zu lassen.
Liliana Corobcas Erfolgsroman erschienen bei Zsolnay, als Taschebuch bei Polirom und bei der Büchergilde Gutenberg
Warum dieser Titel? Hast du ihn ausgewählt?
Ich nicht. Ich bin gefragt wurden, hatte aber keinen guten Einfall, sodass ich nichts vorschlagen konnte. In den folgenden Tagen bekam ich einen Vorschlag des Verlages, mit dem ich einverstanden war, da ich dachte, dass das deutsche Publikum ein ernsteres Publikum ist und dass der Verlag über eine größere Erfahrung verfügt als ich. Die Stelle mit dem Horizont ist autobiographisch und ich war beeindruckt, dass der Verlag sie ausgewählt hat, um den gesamten Roman zu definieren. Es ist keine weinerliche Szene, auch keine zu sentimentale, sie hat etwas entschiedenes, kämpferisches, mutiges wie der Blick des Mädchens auf dem Buchcover. Ich habe meinen Lesern scherzhaft gesagt, dass, da der erste Horizont bereits erobert worden ist, mir nichts anderes übrig bleibt, als weiter zu gehen. Indirekt, symbolisch, ist es auch so. Ich werde auch den zweiten Horizont erobern, den dritten und so weiter. Ein programmatischer Titel. Der neue Titel ist sicherlich nicht besonders poetisch und beschreibt nicht die Problematik des Romans wie es „Kinderland“ machte, aber er definiert mich und ich habe ihn mit Freude akzeptiert.Das Titelbild der deutschen Ausgabe ist vom Paul Zsolnay Verlag ausgewählt worden, um besser mit dem neuen Titel übereinzustimmen. Das Bild gehört dem holländischen Fotografen Marco van Duyvendijk. Es wurde 2000 in Cornești gemacht und das fotografierte Mädchen nennt sich Ioana. Kennst du den Fotografen, warst du an der Wahl des Bildes beteiligt? Weißt du etwas über dieses Mädchen?
Ich bin nicht an der Auswahl des Bildes beteiligt gewesen und kenne weder den Fotografen noch das Mädchen. Aber das Cover hat mir sehr gefallen.

Wo wir gerade von Bildern sprechen, ich habe gesehen, dass du in letzter Zeit Bilder aus deiner Kindheit auf Facebook stellst. Arbeitest du an einem neuen Projekt, hat es etwas mit deinen Bildern zu tun?
Mein neuer Roman hat nichts mit diesen Bildern zu tun. Die Bilder haben einen Bezug zu meiner sowjetischen Kindheit, sie stellen absolvierte Etappen eines Weges dar wie die militärische Erziehung, das Marschieren in der Pionierzeit, Erste-Hilfe Felddienst, Reisen in die Sowjetunion, Feiern und Paraden aus diesen Jahren, welche den heutigen Jugendlichen unbekannt sind, aber auch denen, die in Rumänien geboren wurden. Ich akzeptiere meine Vergangenheit als sowjetisches Kind, ich schäme mich nicht vor ihr, sondern nehme sie an. In den 80ern, als die ersten Dokumente erschienen, die die Verbrechen des Kommunismus dokumentierten, habe ich es abgelehnt dem Komsomol (kommunistische Jugendorganisation in der früheren UdSSR Anm. d. Ü.) beizutreten. Es wäre noch viel zu sagen, aber ein Bild sagt mehr als tausend Worte.Kannst du uns etwas über den Roman sagen, an dem du arbeitest?
Eine Frau, die bei der kommunistischen Zensurbehörde arbeitet, flieht 1974 aus Rumänien nach Deutschland. Sie ist ein sehr geschätztes Parteimitglied und ihre Flucht verstört ihre Kollegen. Neben diesen Dingen beschäftigte sich diese Frau auch mit der Zerstörung von geheimen Dokumenten, worunter auch die Hefte der Zensoren zählten. Alle dieser Hefte sind zerstört worden und ich habe keines gefunden, egal wie viel ich gesucht habe. Sie wurden in einer Fabrik in Bukarest systematisch zerhäckselt oder aufgelöst. Ich schreibe nun meiner Zensorin den Raub eines solchen Heftes zu. Ich versuche ein Dokument der Zensur wiederherzustellen, welches nicht aufbewahrt worden ist. Ich stelle mir vor, was ein solches Heft enthalten könnte, indem ich Elemente aus der tatsächlichen Vergangenheit der Zensur mit meiner Fantasie kombiniere.

Liliana Corobca mit Ernest Wichner bei Buchvorstellungen in Deutschland
Ernest Wichner ist einer Übersetzern der rumänischen Sprache – wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Ernest Wichner ist nicht nur ein Übersetzer, sondern auch ein Schriftsteller. Ich habe gespürt, dass er es sich manchmal auch wünschen würde, an eigenen Büchern zu arbeiten und nicht nur an der Übersetzung von rumänischen Schriftstellern. Er hat mit sehr guten, prestigeträchtigen und hingebungsvollen Autoren zusammengearbeitet und ich fühle mich geehrt und glücklich, dass er meine zwei Romane übersetzt hat. Es ist mir jedes Mal eine Freunde gewesen, ihn zu treffen.Wie sehr hat es dir bei der Promotion deines Buches geholfen, dass du Deutsch kannst?
Ich kenne die deutsche Sprache nicht so gut wie ich es mir wünschen würde. Ich habe, beispielsweise, weder Lust noch Zeit Romane auf Deutsch zu lesen. Aber es ist um einiges einfacher – und manchmal auch billiger – wenn ein Autor, der sich im deutschen Raum aufhält, keinen Übersetzer braucht, um sich ein Busticket zu kaufen oder auf die Fragen eines Lesers auf Deutsch antworten kann. Ich habe auch bereits Lesungen gehabt, bei welchen ich meine Texte allein auf Deutsch vorgelesen habe und das Publikum war begeistert..

Welchen Auszüge liest du bei deinen Lesungen in Deutschland oder Österreich vor und welche Fragen werden dir im Rahmen dieser Treffen am häufigsten gestellt?
Ich habe keine bestimmten Passagen. Da der Roman aus Fragmenten besteht, kann ich ihn sowohl von Anfang an als auch von der Mitte ab vorlesen. Ich habe die Stelle ausgewählt, an der die Kinder der Meinung sind, dass das Wort „Kinder-Ei” bedeutet, der Teil, in dem einem Kind eine Zecke entfernt wird, das längere Fragment mit dem Horizont. Ich habe auch mit der Stelle, an der die Kinder versuchen eine Ziege zu melken, Erfolg gehabt. Ich habe unglaublich viele Fragen bekommen. Gelegentlich war die Fragenrunde länger als die eigentliche Lesung. Warum heißt das Buch „Der erste Horizont meines Lebens“ und nicht „Kinderland“, was ist das Schicksal heutiger Kinder, hat sich etwas geändert, wie wurde das Buch aufgenommen, wo habe ich Deutsch gelernt, aus welchen Quellen beziehe ich meine Inspiration, wie habe ich mich gefühlt, als ich dieses Thema behandelte etc.

n diesem Jahr ist eine zweite Ausgabe des Buches bei der Büchergilde Guttenberg erschienen, welches einen anderen, abstrakt designten, Umschlag hat. Welcher der beiden Umschläge gefällt dir besser?
Ich habe mich sehr über die prestigeträchtige Ausgabe der Büchergilde Gutenberg gefreut. Und wenn der Umschlag der ersten Ausgabe ein wunderschönes realistisches Bild besitzt, war es zu erwarten, dass der zweite Umschlag eher abstrakt gehalten sein würde. Beide sind wunderbar und sehr professionell. Das entschiedene Gesicht des Mädchens zieht eher Blicke auf sich und spricht ein größeres Publikum an. Die zweite Ausgabe richtet sich an ein eher gebildetes Publikum. Die Bücher, die nach Kinderland kommen sind ein bisschen weniger intellektuell, glaube ich. Ich denke, dass ein ähnlicher Umschlag auch bei meinem im letzten Jahr in Rumänien erschienenen Roman Imperiul fetelor bătrâne („Das Reich der alten Mädchen“) funktionieren würde. Beide Bilder gehen mir ans Herz.Wie wurde „Kinderland” in Rumänien, in Moldawien und in den deutschsprachigen Regionen aufgenommen? Kannst du einen Vergleich ziehen?
Mir ist ein Unterschied aufgefallen. Mein Roman ist für das deutsche Publikum oft ein willkommener Vorwand gewesen, um sich einen Eindruck vom Land zu verschaffen. Die deutschen Kritiker haben Moldawien, seine komplizierte politische Situation und das Problem der verlassenen Kinder als ein tragisches Phänomen behandelt, was in deutschen Ländern gänzlich unbekannt ist. Daher war die Rezeption überwiegend auf soziale Aspekte fokussiert. In Rumänien, wo dieses Phänomen ebenso wie in Moldawien sehr verbreitet ist – von den Eltern verlassene Kinder werden dort „Kinder der Erdbeerenpflücker“ genannt – wurde der Roman mehr hinsichtlich seiner literarischen Qualität, der literarischen Realisierung kommentiert. In Moldawien kam das Buch erst später an, da es in Rumänien herausgegeben wurde. Erst die zweite Ausgabe, die bei Polirom erschien (das erste Buch erschien bei dem Verlag Cartea Românească), konnte intensiv gelesen werden. Die Anzahl der kulturellen Publikationen nimmt dort von Mal zu Mal ab. Es wurde ernsthaft und aufmerksam darüber geschrieben, sowohl über den Roman als ästhetische Realisierung, als auch über das soziale Problem, welches er generiert hat. Leider ist das Konzept der Buchvorlesung, bei welchem man einem Publikum Fragmente vorliest und mit ihm in einen Dialog tritt, weder in Rumänien noch in Moldawien hinreichend ausgearbeitet.


Du hast mit einem österreichischen Künstler zusammengearbeitet. Woran?
Ich glaube, du meinst Die Zensur. Für Anfänger – Monolog in drei Akten. Ich bekam von Christian Thanhäuser, der sowohl Küstler als auch Verleger ist, die Einladung, einen Monat in Ottensheim an der Donau zu verbringen. Er hat mir vorgeschlagen, ihm nicht mehr als dreißig Seiten zu schreiben. Ich nahm an. Für mich war es eine Herausforderung, etwas so kurzes zu schreiben. Und da ich mich gerade mit der Zensur beschäftigte, habe ich mit den Monolog eines alten und erfahrenen Zensors vorgestellt, der sein Handwerk einem jüngeren lehrt. Das Ergebnis war ein poetisches und untypisches Buch. Zweisprachig, mit sechs Zeichnungen von Christian, von denen eines ein Poträt von Ceaușescu ist, wurde es 2014 vom Thanhäuser Verlag in Ottensheim herausgegeben. Ich bin gefragt worden, ob ich es nicht auch in Rumänien publizieren würde, hier ist es aber unbekannt geblieben. Ich denke darüber nach, noch an zwei Teilen (Fortsetzungen) zu arbeiten, Zensur für Anfänger und danach Zensur für Fortgeschrittene, um sie zu publizieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Aus dem Rumänischen von Valentin Hermann Gheorghe Munteanu

Liliana Corobca geboren 1975 in Saseni-Calarasi / Moldawien, ist Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin und lebt in Bukarest. Sie hat mehrere Bücher über die Zensur der Literatur im kommunistischen Rumänien veröffentlicht. 2010 erschien ihr Roman Ein Jahr im Paradies (Edition Merz / Solitude) auf Deutsch, im Herbst 2015 ist bei Zsolnay der Roman Der erste Horizont meines Lebens erschienen.
Geschrieben von

Marius Weber

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