Eine Stimme für die verlassenen Kinder Moldawiens, von Jan Koneffke

Kinder spielen auf einem Spielplatz in einer Plattenbausiedlung in Ribniza, Transnistrien. (dpa / Robert B. Fishman)

Mal in Briefen an die Eltern, mal im Selbstgespräch, berichtet die Romanheldin Cristina, klug und altklug, naiv und frühreif, komisch und poetisch von den Ängsten, Sorgen und Mühen des Alltags, den sie und die Brüder bestehen müssen. (dpa / Robert B. Fishman)

Liliana Corobca: „Der erste Horizont meines Lebens”Eine Stimme für die verlassenen Kinder Moldawiens

In den osteuropäischen Ländern leben viele tausend Kinder, deren Eltern als Arbeitsemigranten durch Europa ziehen. Die moldawische Schriftstellerin Liliana Corobca hat sich in ihrem Roman „Der erste Horizont meines Lebens” dem Schicksal dieser verlassenen Kinder gewidmet und ihnen so eine Stimme verliehen.

Von Jan Koneffke

http://www.deutschlandfunk.de/liliana-corobca-der-erste-horizont-meines-lebens-eine.700.de.html?dram:article_id=343814

Bald nach dem blutigen Sturz Nicolae Ceausescus gingen grausige Bilder aus den Waisenhäusern Rumäniens um die Welt: Das Anstaltspersonal hatte die eltern- und schutzlosen Kinder nicht nur aufs Abscheulichste misshandelt, sondern auch beinahe verhungern lassen. Im Verlauf der 90er-Jahre wiederum war oft von den Straßenkindern Bukarests die Rede, die in der Kanalisation lebten und Klebstoff schnüffelten.

Von einem anderen skandalösen Phänomen der jüngeren Zeit hört man hingegen wenig bis gar nichts, sei es, weil es zwar massenhaft, aber wesentlich unauffälliger auftritt, sei es, weil es das wirtschaftliche Ungleichgewicht und die Armut in der Europäischen Union selbst betrifft und keinem kommunistischen oder postkommunistischen Regime in die Schuhe geschoben werden kann:

In den osteuropäischen Ländern leben abertausende von Kindern ohne ihre Eltern, die als Arbeitsemigranten kreuz und quer durch Europa ziehen. Diese verlassenen Kinder werden teils von den Großeltern versorgt, teils bleiben sie völlig allein und der Willkür der Erwachsenenwelt ausgeliefert.
Es ist das Verdienst Liliana Corobcas, den verlassenen Kindern eine Stimme verliehen zu haben.

Individuelle Stimme der kleinen Heldin Cristina

Das Buch der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, die schon mehrere Forschungsarbeiten über die Zensur im kommunistischen Rumänien veröffentlicht hat, erfüllt aber keineswegs nur eine soziale Funktion, indem es auf ein so krudes, wie unbeachtetes Phänomen aufmerksam macht. Corobcas Roman überzeugt auch literarisch durch die ganz und gar individuelle Stimme ihrer kleinen Heldin Cristina.

Auf Rumänisch hatte das Buch übrigens einen deutschen Titel: „Kinderland”, den der österreichische Verlag, wenig plausibel, durch „Der erste Horizont meines Lebens” ersetzt hat. Doch gibt es zum Originaltitel eine Geschichte. In den frühen 90er-Jahren erhielten moldawische Kinder humanitäre Hilfe aus dem Westen, in Form von Schokoladeneiern – Kinderschokolade.

Liliana Corobca: „Daran erinnere ich mich noch, ich war Schülerin, nicht mehr wirklich ein Kind, ich besuchte die letzten Klassen des Gymnasiums, und sogar ich glaubte, dass ‘Kinder’ ‘Eier’ bedeutet. Von diesem Missverständnis bin ich ausgegangen. Vermutlich denken viele in Moldawien, dass dieser deutsche Titel eigentlich ‘Eierland’ bedeutet.”

„Kinderland” passt aber auch deshalb besser, weil die Kinder im Buch fast unter sich bleiben. Angesiedelt ist die Geschichte in einem Dorf der ehemaligen Sowjetrepublik und heutigen Republik Moldawien am äußersten Rand Südosteuropas, dem einstigen Bessarabien, das bis 1940 Teil Großrumäniens war und in dem, trotz Stalinscher Umsiedlungspolitik, die Mehrheit der Bevölkerung noch immer Rumänisch spricht – doch könnte sie ebenso gut in einem Dorf der EU-Länder Rumänien oder Bulgarien spielen.

Liliana Corobca, die vor einigen Jahren im heimischen Moldawien an einem Forschungsprojekt arbeitete, kam durch eine Beobachtung zu ihrem Stoff:

„Normalerweise ging ich zu meinen Eltern nach Hause. Eines Abends kam ein Handwerker mit einem kleinen Jungen, der ein sonderbares Verhalten an den Tag legte, nicht spielen und nicht kommunizieren wollte, wir gaben ihm einen Ball, aber er schaute immer nur zu seinem Vater, das schien mir völlig unnatürlich für einen kleinen, normalen Jungen, er war auch sehr ängstlich, konzentriert blickte er seinen Vater an, und dann meinte meine Mutter zu mir, dass dieses Kind das Ergebnis der letzten Auswanderungswelle sei.”

Die Geschichte handelt von der zwölfjährigen Cristina und ihren kleinen Brüdern Dan und Marcel. Nach einem Romananfang, der wie ein Film anhebt und den weinenden Dan in der Weite des öden und halbleeren Dorfes zeigt, während seine Schwester auf der Suche nach einem Erwachsenen ist, der die Zecke entfernen könnte, die sich in seinen Bauch bohrt, wechselt die Erzählung bald in die erste Person.

„Da es Zehntausende von diesen Kindern gibt, wird eine andere Generation heranwachsen”

Mal in Briefen an die Eltern, mal im Selbstgespräch, berichtet Cristina, klug und altklug, zärtlich und voller Sehnsucht, naiv und frühreif, komisch und poetisch von den Ängsten, Sorgen und Mühen des Alltags, den sie und die Brüder bestehen müssen. Die Mutter der Kinder arbeitet in Italien, wo sie fremde Kinder betreut, der Vater hingegen in Russland. Beide kommunizieren mit den Kindern per Telefon, schicken Geld, Kleidung und Lebensmittel.

Und Cristina, die naiv und trotzig darauf beharrt, dass es im heimischen Moldawien noch immer am „allerschönsten” sei, tröstet den Bettnässer Marcel, der sich auf einen Schemel vors Haus hockt und diesen Platz nicht mehr verlassen will, bis der Vater heimkehrt, mit den vielen Beispielen der von ihren Säufervätern verprügelten Kinder:

„Siehst du, Dummerchen, was ein Vater tut? Und du jammerst Tag und Nacht. Ein Vater fehlt dir, damit du mit eingeschlagenem Kopf rumlaufen kannst, Blut in der Nase, hungrig und verdroschen, und dich bei den Nachbarn verstecken musst? Siehst du, alle Kinder kommen zu uns, weil es ohne Väter besser ist.”

Liliana Corobca (Deutschlandradio / Jana Demnitz)

Die moldawische Autorin Liliana Corobca (Deutschlandradio / Jana Demnitz)
Liliana Corobca: „Ich habe mich in die Figur hinein versetzt, und dachte dabei, da es Zehntausende von diesen Kindern gibt, wird eine andere Generation heranwachsen, die eines Tages erwachsene Mitbürger sein werden, und mich hat die Entwicklung dieser Kinder interessiert, und so habe ich versucht, mir jede Etappe dieser Entwicklung vorzustellen, all die kleinen Ereignisse, die diese Kinder erleben.”

Cristina wird der anderen Kinder kaum Herr, die aus den umgebenden Straßen ins Haus kommen, um Schutz zu suchen und vor Hunger sogar „trockenes Brot mit einem solchen Appetit” verzehren, „als wäre es mit schwarzem Kaviar bestrichen” – und beschließt, wenn sie einmal Kinder haben werde, sie im „Geist der Sanftmut” zu erziehen. Sie dringt bei den Brüdern darauf auf Programm, nämlich erst um 8 Uhr abends, zu weinen, denn es gäbe einfach zu viel zu tun.

„Ich habe es wieder vergessen, aber Marcel kam eines Abends mit den Fotografien von Vater und Mutter und sagte: Lasst uns weinen, es ist acht Uhr!” Von anrührender Komik ist es auch, wenn Cristina mit der Hilfe unerfahrener und umso ängstlicherer Kinder eine Ziege melken muss, die das Tier anschauen, „als wäre es ein Krokodil.” Überhaupt ist die Angst in diesem Kinderkosmos stets präsent und wird von der jungen und sich selbst zur Vernunft erziehenden Erzählerin kurzerhand zur „Krankheit” erklärt.

Liliana Corobca hat einen so kindlichen, wie vor der Zeit erwachsen gewordenen Charakter erschaffen, mit dem man nicht anders als mitleiden kann. Darüber hinaus verleiht ihre Sprache dem rückständigen Dorfleben die größte Anschaulichkeit.

„Ohne, dass ich mir dies zunächst vorgenommen hätte, aber durch die Augen von Kindern ist es leichter, bestimmte Wahrheiten auszusprechen, Kinder reden sehr aufrichtig, ohne vorgefasste Meinungen oder Verurteilungen, sie spielen mit dem, was um sie herum geschieht, und das hat mir erlaubt, die gegenwärtige Welt eines moldawischen Dorfes darzustellen, eines Dorfes im Niedergang, sei es ökonomisch, sei es geistig.”

Aus Sicht der kleinen Heldin ist das von der Katze bedrohte Schwalbennest im Hühnerstall ebenso bedeutsam wie der die Kinder bestehlende Nachbar – denn in dieser Welt ist arm, wer zu Hause bleibt und nicht nach dem „langen Geld” in die Fremde aufbricht. Krude wiederum liest sich die Geschichte um den Hundequäler Ștefănel. Als das gepeinigte Tier stirbt, wird der sadistische Junge verrückt. Mit dem magischen Denken ihrer Welt vertraut, stellt sich Cristina vor, der gequälte Hund sei in sein Herrchen gefahren.

„Das Lachen eine Erlösung, auch für den Leser”

Dann wieder macht sie sich über die Behauptung der Mädchen lustig, dass Brüste durch schwere Arbeit wachsen: „So viel wie ich arbeite, müsste ich schon zwei Kanister haben … Ich will keine Kanister bis zum Nabel.” „Ich bin eine erfüllte Person und beinahe schon ein großes Mädchen”, meint die Zwölfjährige, die sich, als sei sie eine Alte, Gedanken über die nachfolgenden Generationen macht: „Nun wachsen diese jungen Generationen heran, die sich erst küssen und dann laufen lernen.” Aus der Komik, die das tragische Geschehen dieses Buches begleitet, hat Liliana Corobca ein ästhetisches Programm gemacht.

„Und so ist das Lachen, auch im Roman, eine Hilfe, um nicht zu verzweifeln und sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren, denn manchmal ist alles sehr schwer, sehr traumatisch, und so ist das Lachen eine Erlösung, auch für den Leser, der versucht, nachzuempfinden, was ich geschrieben habe, aber ich habe das tatsächlich aus der Perspektive jener gemacht, die diese Dinge durchleben und durchleiden.”

Tragikomisch ist auch der Schluss des Romans: Mitfühlend wie sie ist, will die vor Sehnsucht vergehende Cristina gar nicht daran denken, sich den Tod der Großmutter zu wünschen, „damit Mutter und Vater sogleich nach Hause kommen.” Doch genau damit endet das von Ernest Wichner blendend übersetzte Buch: mit dem Tod der Großmutter und Cristinas Tränen – vor Kummer und vor Freude.

Liliana Corobca: „Der erste Horizont meines Lebens”
Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner.
Zsolnay Verlag, Wien 2015, 192 Seiten, 18,90 Euro.

 

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