Geweint wird erst ab 8.00 Uhr abends

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Die Tiere versorgen, Frühstück machen, die zwei kleinen Brüder wecken, ihnen beim Waschen und Anziehen helfen, sie in den Kindergarten bringen – wenn Cristina all das erledigt hat, geht sie zur Schule. Cristina ist zwölf Jahre alt und die Hauptfigur im Roman „Der erste Horizont meines Lebens“ der Schriftstellerin Liliana Corobca.

Cristinas Mutter ging zum Arbeiten nach Italien, der Vater nach Sibirien. Im rumänischsprachigen Original nannte Corobca ihr Buch „Kinderland“ und meint damit ihre Heimat Moldawien, wo an die 100.000 Kinder leben wie Cristina und ihre Brüder Dan und Marcel. „Diese Kinder haben keine Kindheit“, sagt Corobca im Gespräch mit ORF.at, „sie leben ein Erwachsenenleben“.

Ein bis zwei Jahre, die kein Ende nehmen

Dass drei Kinder im Alter von zwölf, sechs und drei Jahren alleine in ihrem Elternhaus leben – wie in „Der erste Horizont meines Lebens“ – sei „eine extreme Situation“, sagt Corobca. Oft werden zurückgelassene Kinder auch bei den Großeltern oder den Nachbarn untergebracht, oder wenigstens ein Elternteil bleibt zu Hause. Aber auch Fälle wie den von Cristina und ihren Brüdern gebe es: „Kinder, die ganz alleine leben, wo nicht einmal die Großeltern da sind, um sich um sie zu kümmern.“

Um der Arbeitslosigkeit zu entkommen, gehen ihre Eltern ins Ausland – die Frauen oft als Kinderbetreuerinnen und Altenpflegerinnen in die EU, die Männer als Bauarbeiter nach Russland. „Ärztinnen mit Universitätsabschluss und sechs Jahren Turnus arbeiten als Putzfrauen in Europa“, erzählt Corobca. Junge Ärzte verdienen in Moldawien 1.800 Leu (80 Euro) im Monat, Lehrerinnen 1.300 Euro (60 Euro) – wenn sie eine Anstellung finden.

 

Schriftstellerin Liliana Corobca

 

Cristinas Mutter aus Corobcas Roman beschloss, nach Italien zu gehen, als die Familie nach der Geburt des dreijährigen Marcel nicht mehr genug Geld zum Leben hatte: „Damals sagte ein Verwandter zu Mutter: Komm hierher, da ist eine Stelle bei einer Familie freigeworden, sie zahlen gut; wenn du nicht willst, werden sich hundert Moldawierinnen darum prügeln, hierherzukommen … Mutter beriet sich mit Vater, dann mit mir, und sagte anschließend, sie werde für ein bis zwei Jahre gehen, bis Vater seine Schulden abbezahlt hat. Und sie ging, aber diese ein bis zwei Jahre wollen kein Ende nehmen.“

Moldawien, „ein Dorf der Kinder“

Moldawien zählt zu den ärmsten Ländern Europas. Nach dem Human Development Index 2014 der Vereinten Nationen (UNO) liegt das südosteuropäische Land mit dreieinhalb Millionen Einwohnern auf Platz 114 von 187 aufgelisteten Ländern weltweit. Bei den Ländern mit dem größten Anteil an Überweisungen aus dem Ausland, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), liegt Moldawien hingegen weit vorne. Für die Menschen in Moldawien sind diese Überweisungen überlebensnotwendig – weil sie in Privathaushalte fließen, führen sie aber nicht zu dem dringend benötigten Wirtschaftswachstum.

Die starke Migration in die EU und nach Russland setzte kurz vor der Jahrtausendwende ein. Seit Moldawier rumänische Pässe beantragen können, ist es noch einfacher geworden, das Land zu verlassen und ohne Visum in der EU Arbeit zu suchen. „Jedes Dorf in Moldawien ist ein Dorf der Kinder, das ganze Land … vor allem wenn wir die Alten hinzuzählen, die wieder kindlich geworden sind. Die normalen Männer und Frauen, die gesund und arbeitsfähig sind und im Dorf leben, sind eine Seltenheit, eine Minderheit“, lässt Corobca ihre Protagonistin Cristina in „Der erste Horizont meines Lebens“ über ihrer beider Heimat sagen.

Buchcover von "Der erste Horizont meines Lebens"

Hanser Verlag

Buchhinweis

Liliana Corobca: Der erste Horizont meines Lebens. Zsolnay Verlag, 192 Seiten, 19,50 Euro.

Auf das Thema stieß Corobca, die heute in der rumänischen Hauptstadt Bukarest lebt, als sie in den Ferien ihre Eltern besuchte. An einem Tag war ein Handwerker im Haus, der einen Buben mitgebracht hatte. Corobca wollte mit dem Buben plaudern, doch dieser war ängstlich und starr. Er wollte nicht spielen und nicht sprechen. Später erfuhr Corobca von ihrer Mutter, die als Lehrerin die Kinder im Dorf kennt, dass der Vater des Buben im Ausland arbeitet und der Bub – egal wo er ist – Angst hat, vergessen zu werden.

Nach diesem Tag traf Corobca noch viele andere Kinder, die ohne Eltern leben – durch ihre Eltern, durch Freunde, durch Kollegen: „Jeder in Moldawien kennt ein Kind, das in so einer Situation ist.“ Mit „Der erste Horizont meines Lebens“ wollte die 1975 in Moldawien geborene Schriftstellerin „eine einzelne konkrete Geschichte erzählen“ – die von Cristina und ihren Brüdern.

Sehnsucht nach Uhrzeit

Sie hätten es doch besser als Kinder, deren Eltern „nur Wein trinken, nicht arbeiten und keine Wollpullover oder aus Italien mitgebrachte karierte Hemden“ haben, versucht Cristina den Brüder die Situation schönzureden. Glauben tut sie das selbst nicht. Nach den Eltern wird nur noch um 8.00 Uhr abends geweint, beschließt sie und begründet diese Regel mit Vernunft: „Wie wäre es denn, wenn ich genau dann weinen würde, wenn ihr Hunger habt?“

Weil Marcel aber immer noch weint, dass er zum Vater will, greift Cristina zu drastischen Mitteln: Sie führt den Dreijährigen zum Haus eines Freundes und lässt ihn dabei zusehen, wie der Bub von seinem betrunkenen Vater verprügelt wird.

Von den Behörden erhalten zurückgelassene Kinder in Moldawien kaum Unterstützung. Im Buch kommt von Zeit zu Zeit ein Sozialarbeiter ins Dorf und wirft Broschüren über den Zaun. Diese Broschüre gibt es wirklich. Sie heißt “Wie kann man das Kind beraten, wenn seine Eltern ins Ausland gehen”. Zudem werden Russischlehrerinnen, die nicht mehr genügend Unterrichtsstunden haben, weil statt Russisch heute mehr Englisch in Moldawiens Schulen unterrichtet wird, damit beauftragt, Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten, psychologisch zu unterstützen.

„Moldawien fehlt eine Angela Merkel“

Dass sich die Situation dieser Kinder bessert, durch mehr Hilfe vom Staat etwa, glaubt Corobca nicht: „In Moldawien gibt es viele Probleme – jenes der Kinder ist für die Politik nicht das wichtigste“. Seitdem das Land im Frühjahr von einem großen Korruptionsskandal erschüttert wurde, demonstrieren Tausende in der Hauptstadt Chisinau gegen die Regierung – die Proteste sind teils proeuropäisch, teils prorussisch. Die Situation ist kompliziert, sagt Corobca, ein großes Problem für die Politik aber auch für viele Menschen sei, sich zwischen dem Osten – Russland – und dem Westen – der EU – entscheiden zu müssen: „Der Osten will nicht, dass du mit dem Westen kokettierst, und umgekehrt.“

Nur einen Weg zu haben sei für Moldawien aber kompliziert. Trotz der politischen Annäherung an die EU seien Wirtschaftsbeziehungen mit Russland wichtig für das Land, denn für Europa sei die moldawische Wirtschaft nicht gut genug. Moldawiens Exportartikel Nummer eins etwa, der Wein: „Alle sagen er ist so gut, aber in der EU kauft ihn niemand. In Russland schon – die trinken alles.“ Russland zeige Interesse an Moldawien, und „viele Menschen sind dann nostalgisch und glauben, dass im Kommunismus alles besser war“. Was Moldawien fehle, sei eine starke Führungspersönlichkeit, „eine wie Angela Merkel“, so Corobca im Gespräch mit ORF.at.

„Aber wir brauchen das Geld“

Soziale Probleme würden in Moldawien nicht diskutiert. „Der erste Horizont meines Lebens“ sei zwar in Moldawien und auch in Rumänien, wo die Situation nicht ganz so dramatisch aber doch ähnlich ist, viel gelobt worden, so Corobca, „allerdings behandelten alle Rezensionen nur die literarische Ebene“. Kein Bericht über das Buch habe sich auf den Inhalt der Geschichte, auf die Situation der Kinder in Moldawien und Rumänien, bezogen.

Bei ihrer Recherche für das Buch bat Corobca Kinder einer Schulklasse, auf kleine Zettelchen zu schreiben, was sie davon hielten, dass ihre Eltern im Ausland arbeiteten. Die Antworten waren fast ausschließlich vernünftiger Natur, erzählt Corobca: Es sei zwar schwer ohne Mama und Papa, „aber wir brauchen das Geld“. Die Kinder imitierten die Erwachsenen und sagten, das müsse so sein, es gehe nicht anders. Auch Cristina fühle so: „Sie will Mutter und Vater bei sich haben, weil das aber nicht geht und sie dennoch glücklich sein will, ist ihre Lösung: Ich bin auch ohne meine Eltern glücklich.“

Die fremden Kinder, „pummelig und dümmlich“

Der Spagat zwischen der Rolle der Ersatzmutter und ihren eigenen Gefühlen spiegelt sich auch in Cristinas Monologen wider: An einem Tag schimpft die Zwölfjährige voller Verachtung auf die „pummeligen und dümmlichen“ Kinder in den „sehr reichen Ländern“ herab, die „zu nichts gut sind“ – und um die ihre eigene Mutter sich kümmert, anstatt bei ihr zu sein: „Stehen sie nicht ihren Eltern bei, kümmern sich nicht um ihre Geschwister, können sie kein Essen zubereiten oder Ziegen melken? Kleine Parasiten im Nacken der Eltern! Mit Vätern, Müttern, Kindermädchen, Erzieherinnen, und sie, pummelig und dümmlich, lassen sich waschen, ernähren, anziehen, schlafen legen, aufwecken und erziehen.“

Am nächsten Tag wäre Cristina selbst gerne ein wenig mehr Parasit im Nacken der Eltern: „Nur alleine ich mache in diesem Haus sauber, ich fege, wasche auf allen vieren den Fußboden, arbeite, bis mir die Zunge heraushängt, anstatt auch mal zu spielen, fernzusehen oder etwas für Zwölfjährige Empfohlenes zu lesen!“. Die innere Zerrissenheit zwischen Erwachsenenleben und Kindsein, zwischen Verantwortung für die kleinen Geschwister und Sehnsucht nach Mutter und Vater, begleitet Cristina täglich und führt so weit, dass sie sogar im Tod der Großmutter etwas Gutes sieht, denn zum Begräbnis kommen endlich die Eltern nach Hause.

Romana Beer, ORF.at

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