Mama ist nur einmal im Jahr zu Hause (Von Dirk Schümer)

http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article145501426/Mama-ist-nur-einmal-im-Jahr-zu-Hause.html

 

Wer in Moldawien eine Familie ernähren will, muss sie verlassen. Liliana Corobca erzählt von der Tragik eines Landes, das seine Kinder und Alten vernachlässigt, um den Anschluss an Europa zu finden

 

Dass kleine Kinder ohne Eltern auf sich gestellt aufwachsen, können wir uns nicht oder nur schwer vorstellen. Es gibt aber ein Land in Europa, wo das ganz normal ist: Moldawien. Da leben in einem kleinen Dorf die drei Geschwister Cristina, Dan und Marcel im Haus ihrer Eltern. Cristina ist zwölf und macht den Haushalt für die kleinen Brüder, die mit drei und sechs noch im Kindergarten sind. Die Eltern sind weit weg im Ausland, um Geld für die Familie zu verdienen.

 

So wie die meisten Eltern im Dorf, die ihre Kinder unter lockerer Aufsicht von Großeltern und Verwandten daheim gelassen haben. Das fiktive Dorfidyll einer von Erwachsenen unkontrollierten Kindheit, das bei Pippi Langstrumpf so abenteuerlich herüberkommt, ist für Cristina, Dan und Marcel bittere Realität. „Wir gehören niemandem”, bilanziert die abgearbeitete Cristina bitter, wenn sie nach der Schule, dem Kochen und Putzen denn zum Nachdenken kommt.

Die Gedankenwelt und den Alltag der kleinen Cristina, die keine Kindheit mehr haben darf, hat die moldawische Autorin Liliana Corobca – Jahrgang 1974 – in einem berührend wahren Buch aufgezeichnet. Die Binnenansicht des Kinderhirns ist zwar literarische Fiktion, aber es ist zugleich die fotorealistische Momentaufnahme des sozialen Verfalls. Die drei Kinder ernähren sich mehr schlecht als recht mit Tiefkühlkost, die sie aus Tüten warm machen; die Mutter hat das beim jährlichen Heimaturlaub vorgekocht. Sie verrammeln abends das Haus und haben vor lauter Angst unter den Betten Stöcke versteckt, um sich notfalls gegen Einbrecher zu verteidigen. Der kleine Marcel macht regelmäßig ins Bett. Diese Kinder ohne Eltern versuchen irgendwie, das Haus sauber zu halten. Nachmittags wird mit den anderen verwahrlosten Kindern des Dorfes gespielt; abends liest Cristina etwas vor.

Und dann weinen die Kinder. Cristina hat die Zeit festgelegt: „Acht Uhr, Zeit zum Weinen.” Die Kinder weinen jeden Tag, auch wenn sie wissen, dass ihre Eltern dadurch nicht nach Hause kommen. Weil sie kein Geld für einen Computer haben, reihen sie sich samstags vor dem Telefon ein, denn dann ruft Mama aus Italien an. Da weinen die Kinder auch – oder versuchen, tapfer und erwachsen zu wirken. Die Oma, die ein paar Häuser weiter beim Patenonkel gepflegt wird, kann sich nicht um sie kümmern, denn sie wird dement, blind und inkontinent. „Jedes Dorf in Moldawien ist ein Dorf der Kinder, das ganze Land … vor allem, wenn wir die Alten hinzuzählen, die wieder kindlich geworden sind.” Und so wird die Hoffnung auf den Tod der Großmutter zu Cristinas fixer Idee, denn dann kommen Mama und Papa zur Beerdigung einmal nach Hause.

Liliana Corobca hat dem Elend Moldawiens bereits in einem anderen Roman ins Auge geblickt. In „Ein Jahr im Paradies” geht es um eine junge Frau, die im Ausland Geld verdienen will und in einem Zwangsbordell landet. Auch diese gar nicht paradiesischen Schilderungen kreisen um die Frage, warum es kein menschenwürdiges Leben für die Verlierer der moldawischen Gesellschaft gibt – und das sind sehr viele. Die kleine Cristina räsoniert in ihrer durchaus glaubwürdigen, altklugen Art über andere Gegenden in Europa, wo es den Menschen besser ergeht: „Stimmt es, dass dort, in den sehr reichen und entwickelten Ländern, die Kinder für nichts gut sind? Stehen sie nicht ihren Eltern bei, kümmern sie sich nicht um ihre Geschwister, können sie kein Essen zubereiten oder Ziegen melken? Kleine Parasiten im Nacken der Eltern!”

Diese Weltsicht aus Fatalismus und Zynismus wirkt im Kopf eines kleinen Mädchens zuweilen wie die Projektion der Autorin, deren eigene Wut und Fassungslosigkeit immer wieder durchscheinen. Andererseits ist zwölf ein philosophisches Alter, in dem ein kleiner Mensch sehr wohl begreift, in welche Existenzfalle er geraten ist. „Mit zwölf Jahren”, belehrt Cristina die Leser, „sind die Kinder sehr große Menschen und verantwortlich, sie kümmern sich um andere, kleinere Kinder. Mit zwölf Jahren weinen sie nicht, dass sie zur Mutter oder zum Vater wollen.” Die Eltern aus Corobcas Fallstudie sind für die moldawische Gesellschaft typisch: Die Mutter arbeitet als Haushaltshilfe in Italien und passt auf fremde Kinder auf, deren abgetragene Sachen ihr eigener Nachwuchs dann im Dorf spazieren führt. Und der Vater schuftet in einem sibirischen Bergwerk und fördert irgendwelche giftigen Mineralien; nun fallen ihm deswegen die Zähne aus. All die Mühsal und das Leid nur, um ans „lange Geld” zu kommen, um wenigstens ein paar Hundert Euro im Monat für die Familie zusammenzukratzen. Denn in Moldawien auf dem Dorf gibt es nichts zum Überleben.

Es gibt aber durchaus Kinder im Dorf, denen es noch schlechter ergeht als Cristina, Dan und Marcel. Kinder, die von ihren besoffenen Eltern aufs Blut ausgepeitscht werden. Oder Kinder, die man zu den Nachbarn schickt, um Essen zusammenzustehlen. Oder die gerade mal 15-jährige Veronica, die jetzt mit ihrem ungewaschenen Onkel herumhurt. Ganz beiläufig erzählt Cristina von ihrer Nachbarin, der schönen, schmalen Rodica, die als halbes Kind verheiratet wurde und die ihr Mann dann so quälte, dass sie sich zweimal in den Brunnen stürzte. Weil sie aber jedes Mal herausgezogen wurde und überlebte, haute sie irgendwann ganz ab aus dem Dorf und ließ ihre beiden Kleinkinder in totaler Verwahrlosung zurück.

Die komplette soziale Zersetzung mit Alkohol, Prügeleien, Diebstahl oder sogar Mord kontrastiert eigentümlich mit den achtbaren Spurenelementen der Zivilisation. Es gibt noch den Kindergarten für die Kleinen und eine gute Schule, wo Cristina zu den besten zählen würde, müsste sie nicht so viel für die Brüder schuften. Es gibt noch gewissen familiären Zusammenhalt, wenn etwa der Patenonkel immer mal wieder nach dem Rechten sieht oder ein Cousin aus der Hauptstadt Chişinău bei der Obsternte hilft.

Paradoxerweise haben die Eltern ihre Kinder ja im Stich gelassen, um sie nicht im dörflichen Elend versacken, sondern mit Studium und Besitz an den Chancen des neuen Europa teilhaben zu lassen. Sie lernen früh: Das Haushaltsgeld, mit dem die Kinder Essen und Spielsachen kaufen, haben sie im Haus versteckt, damit es ihnen nicht geklaut wird. Wie der Sand aus dem Spielplatz, den ihnen der Vater im Garten angelegt hat und wo sich jetzt der Nachbar für den Hausbau bedient.

Es sind diese kleinen Dramen, aus denen der genau beobachtete Dorfalltag besteht: Wie mühsam es für ein mageres Mädchen ist, eine störrische Ziege zu melken. Wie sich Cristina die Haare abschneidet, weil sie sich selber keinen Zopf flechten kann. Wie weder der Pope mit seinen wohlfeilen Sprüchen noch der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation mit seinen Foldern den Kindern helfen kann. Wie Cristina die frisch geschlüpften Schwalben gegen eine vagierende Katze beschützt und am Ende die Küken dem Ferkel zu fressen geben muss, weil sie im Regen verhungert sind. Wie die Kinder sich am Wochenende in die viel zu großen, eingemotteten Kleider der Eltern hüllen und mit tiefer Stimme „Familie spielen”. Wie der eifrige Dan beim Putzen die ganzen Wände vollspritzt, weil er mit sechs noch gar nicht begreift, wie Putzen geht. Oder wie Cristina an den parfümierten Monatsbinden riecht, die ihre Mutter ihr vorsorglich hingelegt hat, obwohl Cristina sie anders als andere Mädchen in ihrem Alter noch gar nicht braucht.

Liliana Corobca gelingt es mit ihrem beharrlichen Blick aufs Detail, der fast schon an die emotionale Schmerzgrenze reicht, die kosmische Einsamkeit dieser Kinder in Worte zu fassen. Der dreijährige Marcel, der nie eine Familie erlebt hat und tagelang nur vor sich hin weint, wirkt auf die Schwester irgendwann wie ein müder Greis, der nurmehr ins Leere starrt.

Und gleichzeitig keimt in diesem heldenhaften Mädchen der entsetzliche Verdacht, sie müsse an diesem ausweglosen Elend selber schuld sein: „Irgendwo muss es ein Dorf geben, das allein uns gehört, mit seinen eigenen Gesetzen, mit seinem anderen, unzugänglichen und unbekannten Leben. Wo das Leben sachte und schön dahinfließt, freigebig, mitleidig, ohne Bosheiten, Sehnsucht und Warten. Ein Dorf der guten Kinder.” Nur ist sich Cristina sicher, dass sie zu diesen guten Kindern nicht gehört.

Liliana Corobca, die selbst aus einem moldawischen Dorf stammt, kennt diese für uns kaum fassbaren Zustände gut. Von den über drei Millionen Moldawiern arbeiten Hunderttausende im Ausland. Sie stehen in Venedig oder Florenz an der Bar und brühen Kaffee. Sie putzen in Altersheimen in Rom und Madrid. Sie schuften auf dem Bau in Andalusien oder Istanbul. Oder sie arbeiten an den Ölquellen und in den Diamantminen in Jakutien und Sibirien, die russischen Oligarchen unmessbaren Reichtum einbringen.

Seinerseits hat Moldawien, dieses alte Fürstentum zwischen Russland und Rumänien, ebenso wie die benachbarte Ukraine immer schon historisches Pech gehabt, weil sowohl die Unabhängigkeit als auch eine Vereinigung mit dem rumänischen Mutterland immer blockiert wurden. Nach den Ausrottungen der Juden durch Nazis und rumänische Faschisten kam die Eingliederung in die Sowjetunion. Die fruchtbare und klimatisch milde Landschaft, die ohne Politik ein Garten Eden wäre, wurde noch von Gorbatschow geplagt, als im Zuge von dessen Anti-Wodka-Kampagne sinnwidrig Tausende Hektar Weinstöcke abgeholzt wurden.

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist die Misere – anders als in Polen, Tschechien oder der Slowakei –weitergegangen: Der Bürgerkrieg mit der russischen Marionettenrepublik Transnistrien kostete Opfer, Sicherheit, Absatzmärkte. Durch und durch korrupte Politiker haben im vergangenen November gut 700 Millionen Euro aus dem Staatshaushalt – mehr als ein Drittel des kümmerlichen nationalen Jahresetats! – veruntreut und spurlos auf Offshorekonten verschwinden lassen. Noch im Juni musste der dubiose Ministerpräsident Gaburici zurücktreten, weil herauskam, dass er sein Abiturzeugnis mit dem Kopierer gefälscht hatte.

Die ganze Misswirtschaft von Jahrhunderten kommt nun im Leben vieler Tausender Kinder an, die wie Geiseln der moldawischen Gesellschaft in den Dörfern verbleiben. Die deutsche Fotografin Andrea Diefenbach hat diese Zustände 2012 im Bildband „Land ohne Eltern” dokumentiert. Man darf getrost in Corobcas Fatalismus einstimmen, denn eigentlich interessiert das Schicksal Moldawiens und seiner Kinder, wenn man von Rumänien absieht, in Resteuropa niemanden. Weil hier anders als in Griechenland kein „langes Geld” verliehen wurde und kein Erpressungspotenzial auf viel höherem Niveau entstand, werden die Moldawier zwischen Putins Neokolonialismus und Europas Bürokratie einfach weiter ihrem miserablem Schicksal überlassen. Die totale Hoffnungslosigkeit, die aus der Lebenserfahrung der kleinen Cristina spricht, ist also wohlbegründet.

Liliana Corobca, deren rumänisches Buch den schöneren Originaltitel „Kinderland” trug, lässt ihre Heldin am Ende in die letzte verbliebene Unschuldszone fliehen: in die Natur. In Wäldern, an Quellen üben die verlassenen Kinder uralte magische Rituale und Beschwörungen der Vormoderne, die dort auf dem Land ohnehin nie zu Ende gegangen ist. Sie opfern Eier, Pflanzen, Tiere, um die böse Menschenwelt barmherzig zu stimmen und die Eltern heimzuhexen. „Mein Warten”, erzählt uns die weise Kindergreisin Cristina, „ist wie ein gewaltiger Blumenstrauß, größer als ich selbst, wunderbar duftend, bunt gepflückt auf unseren Hügeln. Den bringt man Mama, aber Mama ist nicht zu Hause.”

Liliana Corobca: Der erste Horizont meines Lebens. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay, Wien. 191 S., 18,90 €.

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