Liliana Corobca. KINDERLAND (Auszüge) Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka.

Die Zecke haftete am Bauch in der Nabelgegend, sog sich voll mit dem Blut des Jungen. Entsetzt – mehr vom Geschrei des Bruders als von jenem schwarzen Punkt –, machte sich das Mädchen auf, Hilfe herbeizuholen. Unter normalen Umständen wäre auf das Gebrüll hin vielleicht nicht das halbe Dorf, wohl aber die ganze Umgebung zusammengeströmt, jetzt aber zeigte sich niemand. Sie könnte ja selbst versuchen, ihn von der Zecke zu befreien. Was aber, wenn der Kopf in der Haut steckenblieb und eine zweite, größere nachwuchs, … oder wenn sie sich, da sei Gott davor, ganz unter die Haut verzog und sich dort drinnen einrichtete, wo sie keiner würde hervorholen können, so dass der Bruder von der Zecke ausgezehrt sterben müsste.
Der dritte unter ihnen, der kleinere Bruder, der vom größeren immer mal Prügel bezog oder fies behandelt wurde, verfolgte das Spektakel zunächst mit einiger Genugtuung. Er drückte sich die ganze Zeit in der Nähe des größeren Bruders herum, um dahinterzukommen, was den so beharrlich heulen und brüllen ließ. Er spähte nach oben, nach unten und im Kreis herum, falls es da irgendwo eine Bedrohung gab, wäre es ja unter Umständen angebracht, selbst auch ins Geheul einzustimmen, doch er konnte beim besten Willen nichts erkennen. Dans hochgezogenes Hemd und sein nackter Bauch in der Sonne beeindruckten ihn in keiner Weise, ließen ihn auch nicht erschrecken. Und der schwarze Punkt, zu dem sich sein Bruder immer wieder so tragisch hinabbeugte, war ihm egal, konnte er doch nicht verstehen, wie ein so großer kräftiger Bruder durch ein am Bauch hängendes schwarzes Pünktchen in Angst und Schrecken geriet. Danach verzog sich der kleine Buder.
Das Mädchen ging hinaus auf die Straße. Sie könnte nach den Nachbarn rufen, doch um diese Zeit sind die nicht zu Hause. Etwas weiter unten gab es die Großmutter einer Mitschülerin, doch vermutlich hält auch die sich nicht daheim auf, und zudem sieht sie nicht mehr gut genug, um den Zeckenkopf zu packen. Das Mädchen lief die Straße lang, eine geeignete Person zu finden. Sie rief noch in Onkel Vasiles Hof hinein, darauf antworteten die Hunde der ganzen Umgebung. Doch das einstimmige Hundegebell bewirkte nicht wie sonst, dass in den Häusern irgendwo Türen oder Tore zugeschlagen wurden. Niemand öffnete, um nachzusehen, wer da ruft und warum. In der Regel hörten es alle, wenn auf der Straße jemand rief, und einer fand sich immer, der darauf reagierte: gesuchte Person nicht zu Hause, ist gerade eben in den Weingarten gegangen, zu seinem Onkel oder sonst irgendwohin. Am Straßenende erblickte sie in einem Hof eine Wäsche waschende Mutter. Sie wusste nicht, wie sie hieß. Sie stieß geräuschvoll das Tor auf, und die Frau blickte sie fragend an.
„Guten Tag. Könnten Sie uns nicht eine Zecke ziehen?“
Die Frau rümpfte voll Abscheu die Nase und antwortete:
„Ich ziehe keine Zecken.“ Und verschwand rasch ins Haus.
Das Mädchen machte bei einem Brunnen halt, vielleicht kam jemand um Wasser vorbei. Sie wollte eine Weile dableiben und abwarten.
Unterdessen hatte der kleinere Bruder dem andern sein Lieblingsspielzeug gebracht. Der mit der Zecke schenkte ihm keine Beachtung. Ihm war jetzt nicht nach Spielsachen.
Es machte den Eindruck, als würde Dan mit dem Heulen gar nicht mehr aufhören. Er hatte früher einmal etliche Zecken getötet, die sein Vater aus dem Fell der Schafe pflückte. Der Vater hatte ihm gesagt, wenn man sie nicht herauszieht, saugen die Zecken dem Tier das ganze Blut aus, bis nichts mehr von ihm übrig ist. Dan stellte sich vor, wie die hungrige Zecke ihm das Blut aussaugt, bis sie zu einer Art Riesenballon anschwillt, er aber – klein, schlapp, ein Klümpchen Knochen – hilflos mit Armen und Beinen zappelt, während die Zecke sich emporschwingt, zum Himmel erhebt. Hunderte mit dem Blut der Kinder aufgeschwemmte Zecken schweben am klaren freundlichen Himmel dahin, indes die Kinder geschwächt, ausgemergelt an den erbarmungslosen Milben klebend weinen. Dan betrachtete seine Zecke, die in Wirklichkeit zwar nicht halb so groß wie sein kleiner Fingernagel war, ja eigentlich nicht einmal Bohnengröße erreichte, obgleich er sich restlos blutentleert vorkam.
Marcel hatte sich an den schönen Apfel erinnert, den er vorgestern gefunden und für sich beiseitegelegt hatte, um ihn nicht mit den Geschwistern zu teilen. Diesjahr war der Apfelbaum der Nachbarn so reich bestückt, dass auch mal ein Apfel zu ihnen in den Garten herüber fiel. Süße Som-meräpfel mit rosa Fruchtfleisch. Beim Anblick des Apfels machte Dan eine Geste, die besagen sollte: Was ist schon dein Apfel verglichen mit meinem Schmerz! Woraufhin Marcel aus brüderlicher Solidarität auch zu heulen begann.
Am Brunnen hielt ein Pferdewagen an. Ein Mann schöpfte einen Eimer Wasser, trank selbst und benetzte dann das Maul des Pferdes. Er starrte seinerseits das Mädchen an, das ihm gerade in die Augen blickte. Groß, hager, hässlich, mit nur wenigen Zähnen im Mund, das Haar schütter und grau, die Ohren groß und schlackerig, hätte er den Sensenmann abgeben können, sofern er in seinem Wagen eine Sense dabeigehabt hätte. Auch das einst aschgraue, jetzt verdreckte, grünlich-erdfarbene Pferd war mager und hatte lange gelbe Zähne, die gewissermaßen die Lücken seines Herren ausglichen.
„Möchten Sie nicht ein Zecke ziehen?“
„Klar doch. Wo ist sie?“
„Dort“, deutete Cristina zum Tor hin.
„Zu wem gehörst du?“
„Zu Victor Dumitrache.“
„Ei was, du bist Vikjuschas Tochter? Na dich habe ich doch mit dem Wagen spazieren gefahren, als du klein warst, da hatte ich einen schönen dicken Hengst … Und dein Vater ist weg, langes Geld zu verdienen?“ Das Mädchen nickte beipflichtend. „Hat euch den Attacken der Zecken ausgesetzt.“ Das Mädchen bejahte abermals.
Als sie den Mann eintreten sahen, verstummten die beiden Brüder, vergaßen das Heulen.
„Na, Zeckenvieh, wo bist du?“
Dann fasste er den Apfel ins Auge.
„Was ist, will er den Apfel von dir nicht haben? Ja, dann lass ihn uns dem Pferdchen geben, das verzehrt ihn im Nu!“
Der kleine Junge streckte den Arm mit dem Apfel noch einmal zum großen hinüber, der, vor die Entscheidung gestellt, den Apfel wortlos entgegennahm. Letztlich flößte der Mann ihm mehr Angst ein als die Zecke.
„Was ist das denn für eine Zecke, winzig klein wie ein Ameisenbaby! Gib mal her!“
Dann wandte er sich an das Mädchen.
„Hast du Schnaps oder Odikolon?“
Hat sie, und rennt los, den Alkohol herbeizuschaffen. „Der besäuft sich noch und wirft dann meine Brüder über’n Zaun.“
Der Mann trat auf den leidenden Jungen zu, klapperte furchterregend mit den wenigen Zähnen, die er noch hatte, was den kleinen Bruder hinters Haus rennen ließ; doch kam er nach einer Weile – neugierig, da nichts weiter zu hören war – hinter der Ecke wieder hervor.
Ruckzuck hatte der Mann die Zecke zwischen seinen schmutzigen Fingernägeln zerdrückt und warf sie auf den Boden, nachdem er sorgsam den Bauch des Jungen begutachtet hatte.
„Hab sie samt Kopf herausgezogen,“ sagte er befriedigt. „Zertritt sie jetzt mit den Füßen.“
Und da der Junge sich nicht rührte, rief er den Kleinen herbei:
„Komm du, Schnucki, schau dir an, was für eine Zecke das da war an deinem Bruder.“ Doch auch der nahm die Einladung nicht an. Das Mädchen brachte Schnaps in einem Fläschchen, davon goss sich der Mann ein bisschen in die Hand und rieb damit den Bauch des Jungen ab.
„Fertig, zertritt du sie“, forderte er das Mädchen auf.
Gewissenhaft drückte sie mehrfach fest auf den Boden und sprang ein paarmal über das Ungeziefer.
„Und dein Vater, sagst du, ist nicht zu Hause.“
Die Kinder nickten mit dem Kopf.
„Er ist arbeiten. Drei Kinder sind kein Pappenstiel. Und deine Mutter? Auch arbeiten. Sie haben euch gezeugt und sind dann auf gut Glück losgezogen, jeder anderswohin, murmelte der Mann unterwegs zum Tor. Auch die meine ist weggegangen, und auch die Kinder sind weg. Fast wäre ich Ärmster völlig einsam und allein, ein Glück nur mit dem Pferd im Stall. Ja, komm, Stute, nach Hause mit uns!
Der Lärm der Räder war noch eine Zeitlang zu hören, dann – Stille.
Das Mädchen schüttete sich etwas Alkohol aus dem Fläschchen in die Hand und rieb dann auch noch einmal den Bauch des Jungen ab, der reglos und ernst dalag und in die Ferne starrte. Klar: wäre der Vater daheim gewesen, hätte sich keine Zecke an ihn rangewagt, um sich in seine Haut zu bohren. Er empfand ein gewisses Missbehagen darüber, dass alles so leicht zu Ende gegangen ist mit dem Vorwand für ihn, sich unglücklich, gehätschelt und wichtig vorzukommen.

Anunțuri

Etichete: , ,

Lasă un răspuns

Completează mai jos detaliile tale sau dă clic pe un icon pentru a te autentifica:

Logo WordPress.com

Comentezi folosind contul tău WordPress.com. Dezautentificare / Schimbă )

Poză Twitter

Comentezi folosind contul tău Twitter. Dezautentificare / Schimbă )

Fotografie Facebook

Comentezi folosind contul tău Facebook. Dezautentificare / Schimbă )

Fotografie Google+

Comentezi folosind contul tău Google+. Dezautentificare / Schimbă )

Conectare la %s


%d blogeri au apreciat asta: